Julien Deiss

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ICH MACHE DAS JA NICHT, UM SCHÖNE BILDER ZU MALEN – SONDERN UM EIN ZUFRIEDENER MENSCH ZU SEIN.
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Julien Deiss (geb. 1983) und ich haben uns fast 15 Jahre nicht mehr gesehen, als ich sein Atelier betrete. Irgendwie ist alles wie früher und doch hat sich viel getan: Julien hat die Zeiten an der Kunstakademie Düsseldorf längst hinter sich gelassen und lebt seit sieben Jahren in Kopenhagen. Wir treffen uns im Stadtteil Nørrebro, wo sein Studio liegt und gehen anschließend gemeinsam auf die Code Art Fair. Bei unserem Wiedersehen sprechen wir über seine Weiterentwicklung als Maler, über das Leben in Kopenhagen und die dänische Kunstszene.

Julien, deine neuen Arbeiten sehen viel abstrakter aus als die alten. Zumindest auf den ersten Blick. In meinen Augen changieren sie immer hin und her zwischen Figuration und Abstraktion. Man erkennt oft erst auf den zweiten Blick eine konkrete Figur. Aber zuvor waren deine Bilder doch eigentlich immer figurativ, oder?

Ja, richtig. Ich habe mich gefragt, warum male ich eigentlich figurativ? Also, zunächst mal, weil ich es gut kann. Das ist meine Komfortzone, wenn du so willst, weil ich es eben beherrsche. Körper zu zeichnen und so etwas, ist kein Problem. Aber ich finde es heute spannender, mich da heraus zu entwickeln. Ich will ja das Figurative nicht weiter perfektionieren und am Ende ein Hyperrealist werden, der letztlich nur wie ein Printer arbeitet. Wo ist da die Überraschung für dich selber?

Hast du aus dem Figurativen das Abstrakte entwickelt oder andersherum? Die aktuellen Arbeiten sehen so aus, als wenn das Figurative sich erst später als ein Layer über die abstrakte Grundierung legt.

Genau, heute arbeite ich so: Erstmal die Leinwände grundieren und im Nachhinein die Figur daraufsetzen. Aber vorher war es andersherum. Da war zunächst das Figurative da. Aber das limitiert dich auch wieder. Du denkst nicht mehr komplett frei, weil die Figur schon da ist. Und dann habe ich oft beim Malen befürchtet, ich könnte jetzt die Figur kaputt machen. Das begrenzt dich einfach zu sehr.

Weil das Konkrete immer schon da ist und zu viel vorgibt?

Ja, genau. Du musst anders herangehen, wenn du etwas verändern willst. Jetzt habe ich viel mehr Freiheiten, zur Figuration hinzugehen oder sie wegzulassen. Es geht darum, sich zurückzunehmen und darauf zu vertrauen, dass etwas Gutes da drinsteckt. Ich brauche ja vieles auch gar nicht von der Figur. Wenn du mehr offenlässt und nur an einigen Stellen konkret wirst, ist meist schon alles da, was du brauchst. Das ist viel poetischer und erzählt letztlich viel mehr.

Hier liegen einige Bilder vor uns, die eine interessante Grundierung haben. Wie entsteht die, also technisch?

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Momentan bin ich dabei, mit der Cyanotypie zu experimentieren. Das geht im Prinzip wie beim Film entwickeln, eigentlich ist das der Ursprung der Fotografie. Die Cyanotypie funktioniert über Chemikalien, die auf Sonnenlicht reagieren. Damit kannst du gewissermaßen Kontaktdrucke herstellen. Du hast aber letzten Endes den Prozess viel weniger in der Hand, das kannst du nicht zu einhundert Prozent steuern.

Du hast vorhin erwähnt, dass du versuchst, dich selbst zu überraschen. Über die Cyanotypie kannst du also besser die Kontrolle abgeben?

Ja, absolut. Es ist zwar so in etwa planbar und eine gewisse Kontrolle habe ich dabei schon, aber es kommt vielmehr auf das Gefühl an. Du kannst so Pi mal Daumen mit Belichtungszeiten arbeiten, aber letztlich wirst du vom Ergebnis immer wieder überrascht. Auf Papier funktioniert das super und jetzt versuche ich es gerade auf Leinwand zu übertragen. Ich mache seit Wochen Research auf irgendwelchen Nerd-Foren, habe mich mit Experten unterhalten und dann letztens über eine Künstlerin den Kontakt zu einem italienischen Portraitfotografen bekommen. Der hat mir empfohlen, mit Gelatine zu arbeiten, was ich nun ausprobiere.

Das klingt spannend. Ich stelle mir gerade vor, wenn man morgens ins Atelier kommt und erstmal schaut, was aus den Bildern geworden ist. Hier hängen aber noch einige andere Bilder – woran arbeitest du noch gerade?

Im Moment arbeite ich an einer Bilderserie gemeinsam mit einer Psychologin, die ein Lehrbuch über narrative Therapieformen schreibt. Sie will nicht einfach nur ein weiteres Fachbuch schreiben, sondern sie will das näher an den Patienten bringen und die Narrativ-Therapie letztlich über den Dialog bzw. über die Resonanz vom einen auf den anderen erörtern. Je nachdem wie der eine sich zum anderen verhält, wechselt das Ergebnis. Jedes Kapitel ihres Buches fängt mit einem Zitat an. Und ich bekomme nur diese Zitate und male dazu jeweils ein Bild. Und die Frage ist: kann das Zitat, das der Ursprung eines Kapitels ist auch der Ursprung eines Bildes sein, das wiederum etwas über den Text aussagt? Es geht dabei nicht darum, die Texte zu illustrieren, das wäre ja langweilig. Es geht bei dem Experiment um den Dialog, wie bei Beuys, der dem toten Hasen die Kunst erklärt. Oder wie bei der Hassliebe zwischen Nietzsche und Wagner, sie konnten letztlich nur gut zusammen arbeiten in der Abwesenheit des anderen. Und so machen wir es auch: ich bekomme nur die Texte und sie sieht die Bilder, aber immer in Abwesenheit des Anderen. Wir sind gerade in der Endphase, mal sehen, was daraus wird. Es wird auf jeden Fall zum Book Release eine Ausstellung mit meinen Bildern und eine Lesung geben. Ich male die Bilder immer sehr frühzeitig fertig, Ich bin eigentlich immer zwei Wochen vor einer Ausstellung fertig.

Du malst nie bis zur letzten Minute vor einer Show?

Nein, nie. Das finde ich schrecklich. Ich will immer zwei Wochen vorher fertig sein, um noch mal Zeit und Abstand zu haben, damit ich dann bei der Ausstellung selbst Gast sein und das wirklich genießen kann.

Mir fällt auf, dass du sehr spezielle Rahmungen machst. Rahmst du die Bilder alle selber?

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Ja, ich mach die Rahmen alle selbst. Und ich will die Rahmen in Zukunft in einer Autowerksatt lackieren. Am besten mit so einem Effektlack. Wie bei solchen Proll-Autos. Ich finde ein schwarzer Rahmen erstickt die Bilder oft, so dass sie keine Luft mehr bekommen. Der Rahmen ist die Erweiterung des Bildes, du kannst da fast schon von einer Installation sprechen. Der Rahmen geht eine Verbindung mit dem Bild ein. Am besten finde ich meistens die Reduktion, eine feine Schattenfuge, die dem Bild Luft lässt. Ich arbeite auch gerade an hinterleuchteten Rahmen. Da kommt eine Platine hinter und in der Ausstellung soll das dann unregelmäßig aufflackern. Es ist mir dann auch egal, ob das besser oder schlechter verkäuflich ist. Ich muss das erstmal selbst cool finden und ich finde zum Beispiel so einen Las-Vegas-Wedding-Chapel-Charme cool, sowas Unperfektes.

Also Effektlack und Las Vegas Charme – das klingt schon nach einer gewissen Liebe zum Trash, oder?

Ja, klar. Das ist vielleicht auch ein Ding unserer Generation. Ich finde auch so Arcade Game Optik toll.

Wir sind einfach mit sowas groß geworden. Mir machen auch die Grafiken vom C64 bis heute Spaß.

Ja eben, genau sowas.

Lass uns mal über dein Studium sprechen. Als wir uns damals in Berlin gesehen haben, hattest du dich doch gerade in Weißensee beworben, oder?  

Ja, genau. Ich war auch damals zur Prüfung eingeladen worden und habe mich dann dort mit einem der Prüfer angelegt. Du bist halt noch Jugendlicher und denkst du kennst die Welt und einer der Professoren hat sich wie ein Arschloch benommen. Ich habe mich dann auch entsprechend benommen und meinte irgendwann zu ihm: „Was wollen sie denn? Idioten, Roboter, die sie steuern können, oder was?“ Woraufhin er dann meinte: „Herr Deiss, Sie brauchen morgen nicht mehr zu kommen, dafür werde ich sorgen.“ Was eigentlich ganz gut war, denn im Jahr darauf bin ich dann in Düsseldorf angenommen worden.

In Düsseldorf warst du dann bei Lüpertz in der Klasse, oder?

Ja, bei Lüpertz habe ich angefangen. Und dann war ich Gasthörer bei Tal R, der ja hier in Dänemark eine Art Ikone ist.

Tal R ist wirklich ein großartiger Künstler, seine Arbeiten sind einfach stark.

Ja, zweifellos ein super Künstler und ein wahnsinnig netter Typ. Aber nicht unbedingt ein guter Dozent oder Professor. Auch wenn man von ihm sehr, sehr viel lernen kann. Aber das passiert eher, wenn du dich mit ihm privat unterhältst und nicht in Kolloquien.  

Ein guter Künstler zu sein und ein guter Professor, das sind ja auch zwei Paar Schuhe. Zwei unterschiedliche Disziplinen könnte man sagen.

Eben, das denke ich auch. Die Studenten sind ja keine fertigen Künstler, mit denen du dort redest. Der eine verträgt nicht die selbe Kritik wie der andere. Du musst da viel pädagogischer herangehen. Wobei ich schon ein Freund harter Schule bin.  

Es macht durchaus Sinn, mit den Studenten Klartext zu reden, oder?

Ja, das brauchst du. Deswegen war ich dann zum Schluss auch beim Anzinger, dem Wiener. Er kann schon manchmal ein Arschloch sein, aber ein sehr gutes Arschloch! Ich weiß noch, als ich vor der ganzen Klasse meine Bilder zeigen wollte, guckt er kurz vorher darauf und sagt: „Julien, mach mal lieber zehn neue Bilder und komm in zwei Wochen wieder.“ Ich habe mich tierisch aufgeregt und wollte es ihm dann natürlich zeigen. Ich komme zum nächsten Kolloquium mit neuen Bildern und er sagt: „Ah, neue Bilder, gut. Aber ich fand die alten auch gut.“ Er wollte mich einfach mal ein bisschen kitzeln und ärgern. Letztlich ist diese Lebensschule wichtiger als jede Ästhetik-Vorlesung, weil es dich besser auf das Künstlerdasein vorbereitet.

Du sprichst von Lebensschule. Was hast du aus der Rückschau von der Düsseldorf-Zeit für dich mitgenommen?  

Zunächst mal eine Handvoll gute Kollegen, mit denen man einen guten Drive entwickelt hat, um Sachen durchzuziehen. Aber hauptsächlich war es eine Persönlichkeitsschulung. Es geht um die Auseinandersetzung und wie man mit Kritik umgeht. In Düsseldorf konnte man sich das auch selber zurechtlegen, zu welchem Professor man geht, dich hält da ja keiner auf. Aber die Professoren sind eben auch nicht alle immer vor Ort. Ich war zum Beispiel auch bei Peter Doig. Der ist aber nur zwei Mal im Jahr da, weil er in Tobago lebt. Dann hast du eine intensive, kurze Zeit und dann ist er auch wieder weg.

Doig ist natürlich auch ein Superstar.

Klar, er ist ein Superstar. Und er ist mein absoluter Lieblingsmaler. Aber der Anzinger hingegen, der war halt fast jeden Tag da, was eben auch sehr viel Wert ist.

Ich denke als Student brauchst du einfach die Reibung, um deinen eigenen Weg zu finden.

Denke ich auch. Wenn ich mir die Akademie hier in Kopenhagen zum Beispiel angucke, die ist so durchgestylt, mit Bachelor-Master-System. Alle drei Wochen ein Assignment und du hast gar nicht die Zeit und die Freiheit mal ein Jahr lang an einer Sache in Ruhe zu arbeiten. Du kannst ja in so kurzer Zeit nix fertigmachen. Mir kann keiner erzählen, dass du in drei Wochen ein Konzept komplett ausarbeiten kannst. Du hast ja nie genug Zeit, was fertig zu machen. Bis zu deinem Abschluss, wo du dann mal ein halbes Jahr lang Zeit hast für deine Arbeit. Das wirft dann Künstler raus, die zwar zum Teil gute Sachen machen, aber eben oft auch so, dass man denkt: hat man schon mal gesehen. Jeder zitiert ja, aber dann musst du auch Ahnung davon haben. Wenn ich Man Ray zitiere, dann muss ich ihn auch kennen und ich muss auch die Leute, die ihn umgeben haben, kennen. Dann musst du die ganze Szene kennen. Es sei denn, du wählst eine bewusst naive Herangehensweise, aber eben nicht ungewollt naiv. Das sieht man dann an der Arbeit selber. Wenn ich mir die Abschlüsse angucke, ist das zum Teil nur oberflächlich, da kommt nichts hinterher, das fühlt man auch.   

Wie empfindest du die Kunstszene hier in Kopenhagen?

Sehr stark beeinflusst von der Akademie. Viele Installationen, vieles ist fast schon Design. Sehr stylische Arbeiten, skandinavisch reduziert und sehr ästhetisch. In dem Punkt trifft es sich dann auch wieder mit meinem Geschmack. Also, das Reduzierte, die Arbeiten in ihrer Einfachheit, das kann ich schon gut nachvollziehen.

Ist das der Style der Akademie oder der dänische Style generell?

Der Akademie-Style ist gewissermaßen der dänische Style, weil es hier einfach so klein ist. Das ist hier nicht wie in Deutschland, wo du deutlich mehr und vielfältigere Einflüsse hast.

Also ist es wesentlich homogener in Dänemark als in Deutschland?

Ja, sehr. Und deswegen sind oft die interessantesten Leute, die hier gezeigt werden in den Top-Galerien eben Deutsche. Besonders in der Malerei, die kommt dann oft aus Deutschland. Wie Daniel Richter oder zum Beispiel ein Kumpel von mir, Florian Meisenberg.

Wie kommt es, dass Malerei heute wieder so stark ist? Nach der Konzeptkunst-Zeit in den 70ern, kam ja in den 80ern die Malerei zurück mit Leuten wie Schnabel oder Basquiat und in Deutschland mit den Neuen Wilden, wie Kippenberger, Oehlen oder Büttner. Danach schien es nachzulassen und heute ist die Malerei wieder extrem präsent. Woran liegt das?

Ich glaube, weil Malerei einfach unmittelbarer ist. Malerei arbeitet wie eine Garagenband, bumms und raus damit. Unmittelbar. Bei anderen Medien, wie bei Installationen und Skulpturen reagierst du ja viel langsamer und langfristiger auf Dinge und nicht so direkt wie bei der Malerei. Wenn du von einem Malerei-Revival sprichst, dann siehst du ja heute auch wieder Leute, die malen wie die Cobra Gruppe zum Beispiel. 

Liegt es vielleicht auch an der Digitalisierung? Je digitaler und slicker alles wird, desto mehr sehnt man sich ja auch wieder nach dem Analogen, nach einer Haptik, Geruch, nach Textur und solchen Dingen.

Ja, so eine Gegenbewegung ist deutlich zu merken. Wenn wir über einen Zeitgeist oder ein Zeitgefühl reden, kannst du ganz eindeutig sagen, dass das Pendel gerade wieder zurückschlägt auch in anderen Bereichen. Ob es das Skateboarden ist, die Musik oder die Kleidung … überall eigentlich und auch in der Kunst bzw. Malerei. Wenn ich heute die Kids wieder Skateboard fahren sehe mit ihren Thrasher T-Shirts und ihren Carhartt Klamotten, dann sehe ich mich selbst mit 12 Jahren.

Malerei ist ja auch nach wie vor gefragt, wenn es um Verkäufe geht. Welche Galerie vertritt dich jetzt aktuell?

Galerie Wolfsen in Aalborg. Sie sind aktuell nicht unter den Top Ten Galerien in Dänemark, aber kurz dahinter. Und ich glaube es ist sogar die umsatzstärkste Galerie in Dänemark. Das ist natürlich eine große Hilfe für mich, also die finanzielle Unabhängigkeit, die ich durch die Verkäufe habe. Ich kann gerade sehr meine finanzielle Freiheit genießen, da ich dieses Jahr schon viele Bilder verkauft habe. Da kann man auch mal drei Wochen nur hier sitzen und die grundierten Leinwände angucken – das ist ein Luxus, der dir kreative Freiheit gibt. Langfristig gesehen, muss man natürlich kritisch bleiben und gucken, wie man sich positioniert. Ich will jetzt auch nicht 5 Jahre nur das Selbe machen, sondern mich weiterentwickeln. Und manchmal ist es sicher auch hilfreich, mit ein bisschen Druck zu malen, aber ich glaube, wenn du immer schnell abliefern muss, ist es gefährlich und es kommen dann oft nicht die geilsten Sachen dabei heraus. Da kenne ich einige Beispiele von Leuten, die wirklich ausgesaugt worden sind. Plötzlich ist der Erfolg da und du musst auf einmal liefern. Der Galerist sagt, mach mehr und mehr und mehr. Das kann ein enormer Druck sein und dann kommen Finanzen und Steuern und Kleinigkeiten dazu, die du auch im normalen Leben machen musst, die du aber nicht lernst, wenn du auf der Akademie bist. Ich glaube es ist gut, sich Zeit zu nehmen, um sich ein Modell aufzubauen, was skalierbar ist. Also, wenn das funktioniert, kannst du es expandieren und größer machen, wenn man an Produktion denkt und so weiter. Dann kann dir eigentlich nichts passieren. Und wenn du selber zufrieden bist damit, dann ist es auch egal, wenn es am Ende nix wird.  

Wie ist der Kontakt mit der Galerie zustande gekommen?

Der Kurator der Galerie hat mich eigentlich seit meiner ersten Ausstellung hier in Dänemark beobachtet. Aber erst die Arbeiten von vor einem halben Jahr, da hat es Klick gemacht bei ihm. Da hat er dann gesagt, das kann ich mir jetzt super vorstellen.  

Er hat quasi deine Entwicklung so lange beobachtet, bis ihn die Arbeiten wirklich überzeugt haben?

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Ja, genau. Es hat eine Weile gedauert bis er gesagt hat, okay, jetzt haut es mich wirklich um. Und das ist schon lustig, wenn so jemand sagt, jetzt bist du bei mir, in dem Moment verkaufen sich die Arbeiten. Nur weil er sagt, das ist gut oder nicht, verkaufen sich die Sachen plötzlich oder eben nicht. Es ist schon absurd, ob dein Bild in dem einen Raum hängt oder in einem anderen, kann einen gewaltigen Unterschied machen.

Wer sind deine Vorbilder in der Kunst?

Eigentlich ist mein Vorbild nicht direkt ein Künstler, sondern das Gefühl, das ich habe, wenn ich zum Beispiel vor einem Peter Doig Bild stehe. Dieses Gefühl ist dann mein Vorbild. Aber wenn wir von konkreten Künstlern sprechen, ist es aus der Kindheit zuallererst mal Egon Schiele. Als ich noch ganz jung war, hat meine Tante mich mal nach Paris mitgenommen ins Museum, da habe ich Originale von Schiele gesehen, das weiß ich noch. Und dann von Monet die Wasserlilien und so weiter im Musée de l’Orangerie, das war auch ein prägendes Erlebnis. Also wenn wir jetzt von Kindheitserinnerungen reden.

Und so aktuell, gab es zuletzt eine Ausstellung, die dich besonders beeindruckt hat?

Also, das Louisiana Museum hier in der Nähe von Kopenhagen ist das schönste Museum, das ich je gesehen habe. Viele kleine Pavillons, die in die Küstenlandschaft eingelassen sind. Die haben dort alle meine Lieblingsmaler gezeigt, wie Tal R und Peter Doig und dann nicht nur ein Bild, sondern immer gleich ganz viele Bilder von denen. Das ist so toll, da kriege ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.   

Das klingt echt verdammt gut. Am Wochenende werde ich dort sein und bin schon sehr gespannt darauf. Sind es auch Vorbilder, die dich motivieren oder was treibt dich an, immer wieder ins Atelier zu gehen?

Die Frage ist ja: Wofür macht man das denn hier? Ich mache das ja nicht, um schöne Bilder zu malen. In erster Linie ist es eine Befriedigung für mich, damit ich ein zufriedener, ausgeglichener Mensch bin. Mit sich selber hier im Atelier zurecht zu kommen, ist doch das Schönste, was du haben kannst. Niemand stresst dich. Und wenn das Endresultat dich auch noch befriedigt, umso besser.

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Wenn du malst, wieviel ist dann bewusste Entscheidung und wieviel ist Zufall im Prozess?

Es ist eine bewusste Hinwendung zum Zufall, also eine bewusste Entscheidung, den Zufall einzugrenzen. Du wirst mit der Zeit immer besser, das zu steuern. Du machst 20 Bilder und zwei davon sind wirklich gut. Und dann fragst du dich: warum reichen die anderen Bilder nicht an die beiden heran? Ich glaube bei den beiden warst du einfach in deiner Zone, im Flow, da läuft es dann einfach. Und diesen Flow zu erreichen, das fängt mit kleinen Ritualen an: Zur welcher Tageszeit arbeite ich am besten? Was habe ich gefrühstückt und so weiter. Ich bin ein Frühaufsteher, male ganz früh morgens, wenn der Körper noch nicht ganz wach ist, aber der Geist klar. Und um drei Uhr nachmittags ist dann Schluss. Danach rede ich auch nicht mehr über Kunst. Es wäre ja arrogant zu denken, dass jeder davon etwas hören will. Ich habe einen Kumpel, der ist Gas- Und Wasserinstallateur. Den habe ich ins Atelier eingeladen und er sagte nur: „Lass uns lieber in eine Kneipe gehen. Oder würdest du mir gerne zusehen, wie ich eine Toilette repariere?“ Das zeigt dir, dass du immer wieder Abstand gewinnen musst.

Schönes Beispiel mit deinem Kumpel. Und dann gibt’s so Freaks wie mich, die lieben es im Atelier abzuhängen.

Ja, wenn das Interesse da ist, wie bei dir, erzähle ich das natürlich gerne und rede gerne über meine Arbeit.

Ich empfinde Atelierbesuche immer als etwas Besonderes und als eine sehr persönliche Angelegenheit.

Ja, absolut. Das Atelier ist der erweiterte Kopf des Künstlers. Du kriegst dort viel mehr von einer Persönlichkeit mit. Es ist wie die Bedienungsanleitung zu einem Künstler.

In diesem Sinne: danke, dass du mich in deinen Kopf gelassen hast.

Gerne! Bist jederzeit willkommen. Und jetzt auf zur Messe…

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Malte Buelskaemper